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Die von den Nazis ermordete Jüdin Etty Hillesum steht zu Unrecht etwas im Schatten ihrer berühmteren, ebenfalls ermordeten Zeitgenossin Anne Frank, die wie sie in den Niederlanden lebte. Organisiert von der Sokratischen Gesellschaft fand im Ingolstädter Kolpinghaus eine Lesung aus ihren Tagebüchern statt.
Kommentiert wurde der Abend von Wolfgang Osiander von der Katholischen Erwachsenenbildung Ansbach. Die Würzburger Musikgruppe „Allegro ma non troppo“ gestaltete den Abend musikalisch mit Klezmermusik – einer jüdischen Volksmusik, die ursprünglich aus dem osteuropäischen Raum stammt. Die tiefgründigen Texte las das Schauspielerpaar Claudia Dölker und Hartmut Scheyhing, das Etty Hillesums Tagebuchaufzeichnungen chronologisch vorstellte.
Die mystische Suche nach Gott im besetzten Holland
Am 9. März 1941 begann Etty Hillesum mit ihren Notizen. Die Niederlande waren bereits seit 1940 von Nazideutschland besetzt. Im zweiten Jahr des Tagebuchs, 1942, als die Angriffe auf die jüdische Bevölkerung massiv zunahmen, begab sich Etty Hillesum auf die mystische Suche nach Gott.
Sie fragte nach dem Sinn des Leidens und suchte Wege, es zu integrieren: in der bewussten Annahme von Entbehrungen sowie im Lernen von Verzicht und Abschiednehmen. In dieser Annahme wuchs ihr Vertrauen, wirklich alles ertragen zu können – getragen von der Hoffnung, dass dieses Leiden einmal ein Ende hat.
Kein Hass auf die Besatzer, aber tiefe Solidarität
Auf die Besatzer verspürte Etty Hillesum keinen Hass. Sie war bereit, das Unabwendbare anzunehmen, in der Überzeugung, dass das Letzte uns nicht genommen werden kann. Gleichzeitig fühlte sie eine tiefe Solidarität mit ihren verfolgten Leidensgenossen:
„Kann ich glücklich werden, wenn ich verschont bleibe?“, fragte sie.
In den letzten Monaten ihres Lebens arbeitete sie im Amsterdamer Judenrat mit – eine, wie Wolfgang Osiander es ausdrückte, „perfide“ Einrichtung der Nazis, in der Jüdinnen und Juden mit den Machthabern kollaborieren mussten. Doch Etty Hillesum wählte diesen Weg bewusst, um den Menschen im Durchgangslager Westerbork beizustehen, bevor sie im November 1943 selbst in Auschwitz ermordet wurde.
Text: RFobes | Fotos: RFobes, SEberl | KSI